Was ist Tantra?

Sagt man in Gesellschaft "Tantra", heben sich die Augenbrauen, und die Aufmerksamkeit für das, was folgt, ist sicher. Jeder weiß, das hat etwas mit Sexualität zu tun, was aber wirklich dahinter steckt, kann kaum jemand sagen. Das Wissen um diese alte, zunächst hinduistische und später buddhistische Tradition und ihre Anwendung bleibt für die meisten geheimnisvoll, dabei ist es gar nicht so schwer herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Hinduistisches und Buddhistisches Tantra

Der Begriff "Tantra" stammt aus dem Sanskrit und kann sowohl "Gewebe", als auch "Kontinuum" oder "Zusammenhang" bedeuten. Der "Tantrismus" steht vor allem seit dem 9. Jahrhundert für "allumfassendes Wissen" oder auch "Ausbreitung des Wissens?. Die Ursprünge der philosophischen Tantra-Lehre gehen bis auf das 2. Jahrhundert zurück, zur vollen Entwicklung kam es jedoch erst im 7. Und 8. Jahrhundert.

Das Wissen des Tantrismus hat sich im Verbund mit dämonologischen und schamanistischen Bewegungen entwickelt. Es diente Eliten wie Aristokraten und bestimmten Brahmanen zur Reflexion ihrer Verhältnisse und liefert Kenntnisse zu Macht und Machterwerb sowohl auf spiritueller, als auch irdischer Ebene. Die Verhältnisse von Mensch zu Mensch, von Mensch und übernatürlichen Kräften, der Beschaffenheit der Körper und der Welt, und auch die Frage nach der Erlösung werden darin behandelt. Zwischen Nepal und Indonesien gibt es unterschiedliche regionale Ausformungen des Tantrismus, gemeinsam ist ihnen allen jedoch der Bezug auf eine der drei Gottheiten Vishnu, Shiva oder Shakti (Devi) als Hauptgottheit an der Spitze einer Hierarchie anderer Gottheiten. Über diese Strukturen bemüht sich der Tantrismus um den Bezug des einzelnen Menschen zu einem obersten Gott im Sinne eines transzendenten Selbst. Der tantrische Kanon, wie er seit dem 8. Jahrhundert vorliegt, umfasst 36 Kategorien, sogenannte Tattvas, die von der Sphäre des Göttlichen bis in den Alltag reichen. Sie bilden die Grundlage für die Entstehung verschiedener Yoga-Lehren wie das Hatha-Yoga oder Kundalini-Yoga, die bis heute bekannt und verbreitet sind.

Der Tantrismus lehrt die Einheit von absoluten Prinzipien mit der Welt der Phänomene und zeigt verschiedene mystische Wege, mit dem Absoluten eins zu werden und die höchste Wirklichkeit zu erkennen. Er geht davon aus, dass diese Wirklichkeit aus Energie besteht. Das Kleine und das Große, Mikro- und Makrokosmos sind für ihn miteinander verwoben, äußere Handlungen spiegeln die innere Welt des Einzelnen.

Die frühen Darstellungen des Sexualaktes stehen symbolisch für die Vereinigung von Gegensätzen wie männlich und weiblich, aber auch jeglicher anderer. Alles außer dem Höchsten hat seinen Gegensatz. So steht die spirituelle Wirklichkeit der illusionären Schöpfung gegenüber, jeder der Untergötter hat einen Gegengott, und jeder einzelne Mensch hat eine linke und eine rechte, eine männliche und eine weibliche Hälfte. Entsprechend dieser am Körper orientierten Gegensätze haben sich Sekten verschiedener Richtungen entwickelt.

Nur im Vamacara, dem sogenannten "linkshändigen Tantra", das sich dem Brechen religiöser Tabus verschrieben hat, werden die fünf vedischen Reinigungsartikel umgekehrt. Eine dieser Umkehrungen läuft auf den ritualisierten Geschlechtsakt, den Maithuna, hinaus. Diese Praktiken werden nur in der Vamacara-Sekte von bestimmten Übenden in besonderen rituellen Zusammenhängen ausgeübt. Die große Mehrheit der Tantriker praktiziert die Techniken der Wortklänge, der Yoga-Stellungen, der Energetisierung des Körpers, Magische Rituale, Bewegungs- und Reinigungsübungen in Verbindung mit religiösen und sozialen Regeln. Das traditionellen Tantra zielt auf richtige Lebensführung, Selbstverwirklichung und die Entfaltung schöpferischer Kräfte.

Neotantra

Die Bewegung des Neotantra, wie sie seit den 1970er Jahren von den USA ausgehend entstanden ist, konzentriert sich auf die Verbindung von Spiritualität und Sexualität. Durch Meditation wird hier versucht, im Beckenbereich sexuelle Energie hervorzurufen und zu einem "kosmischen Bewusstsein" zu wandeln. Die wichtigsten theoretischen Grundlagen hierzu werden in den Schriften des Philosophieprofessors Bhagwan Shree Rajneesh und des Psychologen Wilhelm Reich gesehen. In Deutschland hat die Bewegung vor allem seit den 1990er Jahren Fuß gefasst, die Zahl der Tantra-Schulen düfte sich hierzulande auf etwa 20 belaufen. Als theoretische Referenzen sind vor allem Margot Anand und Andreas Rothe bekannt. Das Neotantra zeigt enge Verknüpfungen zur Esoterikszene, kaum jedoch zur weit größeren Swinger-Szene.

Schwierigkeiten und Nutzeneffekte

Worum es genau geht, ist bei Tantra-Seminaren schwer zu sagen. Formal lassen sich häufig therapeutische Anliegen erkennen. Tantra soll helfen, sexuelle und partnerschaftliche Probleme zu überwinden, aber auch Traumatisierungen bis hin zu den Folgen sexuellen Missbrauchs heilen. Der therapeutische Nutzen wird andererseits vielfach in Zweifel gezogen. Oft seien die Absichtsbekundungen der Seminare nur Vorwand für das Ausleben sexueller Bedürfnisse und der Sehnsucht nach Spiritualität und Geborgenheit in einer Gemeinschaft. Darüber hinaus komme es durchaus zu Abhängigkeiten statt Persönlichkeitsentwicklung und starken Gefühlsschwankungen anstelle von Stressabbau.

Angebotslage

Tantra-Seminare müssen privat finanziert werden und können in verschiedenen Formen gebucht werden, als Urlaubsreise oder in Form von mehrtägigen Veranstaltungen, einmalig oder über ein Jahr hinweg. Einen Sonderfall stellen die sogenannten "Tantra-Massagen", "Yoni-Massagen" oder auch "Lingam-Massagen" dar, die im Umfeld der Szene entstanden sind, mittlerweile aber auch gesondert als kommerzielle, auf Seriosität bedachte Dienstleistungen angeboten werden. Es handelt sich dabei um eine Massage insbesondere der Geschlechtsorgane, des Analbereichs und der Prostata.


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